Entwicklung - Gegenwart

Rojava

Rojava bezeichnet unter den Kurden den südwestlichen Teil Kurdistans, welcher auf syrischem Staatsgebiet liegt. Das Wort „Rojava“ ist das kurdische Wort für die Himmelsrichtung „Westen“ und bedeutet wortwörtlich übersetzt „da, wo die Sonne untergeht“. 

 

Innerhalb kurdischer Unabhängigkeitsbewegungen des 20. Jahrhunderts wurde die Region Rojava auch häufig als der „kleine Süden“ bezeichnet, neben dem „großen Süden“ auf irakischem Staatsgebiet. Mit der Zeit setzte sich aber die Bezeichnung „Rojava“ für Westkurdistan durch, u.a. mit dem Ziel, der Region eine eigene Bedeutung zu geben und sie nicht nur als Rückzugs- und Versorgungsraum für den Unabhängigkeitskampf in den geographisch größeren Teilen Kurdistans zu sehen. 

Karte Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyrien

Während im internationalen Kontext Rojava erst im Zuge des Bürgerkriegs in Syrien bekannt wurde, begann die Selbstorganisierung der Bevölkerung hier nicht erst 2011. 

Bereits über Jahrzehnte hinweg organisierte sich die Bevölkerung, auch der staatlichen Repression zum Trotz. 

Als der sogenannte „Arabische Frühling“ Syrien erreichte, das Assad-Regime mit brutaler Repression reagierte und der Bürgerkrieg Schritt für Schritt eskalierte, konnte die Bevölkerung in Rojava auf diese jahrzehntelange Erfahrung der Selbstorganisierung und des Befreiungskampfes zurückgreifen. Die Kurden begannen sich daraufhin, auch gemeinsam mit ihren arabischen, armenischen und assyrischen Nachbarn, zur Verteidigung ihrer Dörfer und Stadtviertel zusammenzuschließen.

Daraus entstand Schritt für Schritt die Initiative, sich mehr und mehr von der Verwaltung des Zentralstaates loszusagen und eigene Institutionen der Selbstverwaltung zu schaffen. Am 19. Juli 2012 wurden die Institutionen und Kräfte des syrischen Regimes aus der Stadt Kobane verbannt. Dies wird von den Menschen vor Ort als Beginn der „Rojava-Revolution“ bezeichnet: Eine Entwicklung die sich im Norden Syriens bis Mitte 2013 von Afrin im Westen bis nach Derik im Osten fortsetzte.

 

Seither bemüht sich die Bevölkerung darum, ein würdevolles Leben in demokratischer Selbstverwaltung aufzubauen. Hierfür wurden Kommunen und Räte gegründet, Kooperativen zur Förderung einer gerechteren Wirtschaftsweise geschaffen sowie eigene Institutionen zur Lösung von Konflikten und zur Rechtsprechung aufgebaut. Gleichzeitig entstand ein eigenständiges Bildungssystem von der Grundschule bis zur Universität. Zehntausende Lehrkräfte wurden ausgebildet und das Recht auf Bildung in der jeweiligen Muttersprache schrittweise verwirklicht.

 

Ausgehend von der Maxime, dass das Maß an Freiheit einer Gesellschaft dem Maß an Freiheit der Frau entspricht, wurden die Geschlechterverhältnisse zu einem zentralen Gegenstand gesellschaftlicher Veränderung. Das Familienrecht wurde reformiert und für alle Institutionen sowie Leitungsfunktionen das Prinzip der gleichberechtigten Repräsentation und der Doppelspitze – jeweils eine Frau und ein Mann – eingeführt. Darüber hinaus organisierte sich die Bevölkerung auch militärisch zur Selbstverteidigung. Mit den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) entstand dabei eine eigenständige Frauenorganisation, die das Prinzip der Selbstorganisierung von Frauen auch im militärischen Bereich verwirklicht.

Karte der historischen Situation 2022  

© 2022 Verein Familien für den Frieden

Die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES)
 - Weitere Entwicklung und Gegenwart -

Die seit 2012 schrittweise, bereits faktisch durchgesetzte Selbstverwaltung wurde 2014 durch das Ausrufen der drei Kantone Cizîr, Kobanê und Efrîn offiziell institutionalisiert. Gleichzeitig war dies auch die Zeit in der der Krieg in der gesamten Region im Allgemeinen und in Syrien im Speziellen durch die rasante Verbreitung des Islamischen Staats (IS) in eine neue Phase eintrat. 

 

 

Der militärische Sieg über den IS

 

Während die irakische und die syrische Armee den Vormarsch des IS nicht aufhalten konnten und auch semi-staatliche Akteure wie die Peshmerga in Südkurdistan (Nordirak) und die FSA in Syrien zurückgedrängt wurden, gelang es den Selbstverteidigungseinheiten YPG und YPJ, dem IS erfolgreich Widerstand zu leisten. In Südkurdistan und dem Nordirak waren es die Einheiten der Guerrilla der PKK, die den Vormarsch des IS in Kerkuk, Maxmur und Sindschar aufhalten konnten. Der Widerstand in und die erfolgreiche Befreiung von Kobanê Ende 2014 bis Anfang 2015 sowie die Eröffnung eines humanitären Korridors nach Sindschar zur Rettung der dortigen Eziden im Spätsommer 2014 durch die YPG und YPJ stellten hierbei wichtige Schlüsselmomente dar. 

Ab 2015 konnten die Selbstverteidigungseinheiten den IS Offensive für Offensive weiter zurückdrängen. In diesem Zusammenhang wurde dann auch das multiethnische Militärbündnis „Demokratische Kräfte Syriens“ (SDF) gegründet, dem auch die YPG und YPJ beitraten. 

Im Sommer 2015 gelang der geographische Zusammenschluss von Cizîr und Kobanê. 2016 wurde die Stadt Manbij östlich des Euphrats befreit, 2017 folgten Tabqa und Raqqa, die ehemalige Hauptstadt des selbsternannten Kalifats. 2019 folgte dann der vorläufig endgültige militärische Sieg über den IS durch die Befreiung Deir ez-Zors.

 

 

Fortwährende Angriffe von außen

 

Doch in dieser Phase war es nicht mehr nur der IS vor dem sich in Rojava verteidigt werden musste. Ab 2016 begann der türkische Staat völkerrechtswidrige militärische Operationen mit dem Ziel, die Bemühungen der Selbstverwaltung zu zerstören und das Land im Norden Syriens zu besetzen. Die Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens war somit mit einem Zweifrontenkrieg beschäftigt. Im Zuge dessen wurden 2018 Efrîn im Nordwesten Syriens und 2019 Serêkaniye und Girespî östlich des Euphrates nach teilweise monatelangen Kämpfen von der türkischen Armee besetzt.

In den folgenden Jahren bis Anfang 2025 war die gesamte Region einer ununterbrochenen Kampagne des sogenannten „Krieges niedriger Intensität“ konfrontiert. Türkische bewaffnete Drohnen nahmen Zivilisten und wichtige Personen der Verwaltung und der Selbstverteidigungseinheiten ins Visier. Zunehmend wurde auch die zivile Infrastruktur immer wieder bombardiert. Teilweise wurden die aus der Türkei kommenden Flüsse abgekappt und die ausreichende Trinkwasserversorgung von zehntausenden Haushalten verhindert. 

 

Gleichzeitig befand sich die die Selbstverwaltung auch wirtschaftlich und politisch seit ihrem Entstehen immer extrem unter Druck gesetzt. Nach Norden errichtete die Türkei an der ohnehin schon militärisch gesicherten Grenze eine hunderte Kilometer lange Mauer. Nach Süden sah sich die Selbstverwaltung entweder Kräften wie dem IS gegenüber oder musste versuchen, mit dem autoritären Regime zu verhandeln. Nach Osten hin bestand und besteht zwar eine Grenze zum Irak und zur kurdischen Autonomieregion im Nordirak, jedoch war der Irak nie willens, mit der nicht international anerkannten Selbstverwaltung Handel zu betreiben, und auch die kurdische Autonomieregion machte einen eingeschränkt offenen Grenzübergang immer von den eigenen politischen Interessen abhängig.

 

 

Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens

 

All diesen Widrigkeiten zum Trotz sind die Menschen in diesem von Krieg und Leid zerrütteten Land weitaus weiter gegangen als „nur“ ihr Leben und ihre Existenz zu verteidigen. Sie haben an der Umsetzung eines menschenwürdigen, lebensfrohen, gerechten und freien Gemeinwesens gearbeitet. Sie haben versucht, in einer Region welche durch nationalistische, rassistische und religiös-fundamentalistische Politik zersplittert wurde, eine demokratische Einheit durch anerkannte und respektierte gesellschaftliche Vielfalt zu schaffen. Christen, Muslime und Eziden sowie Kurden, Araber, Assyrer, Armenier und Tscherkessen sollten auf Grundlage gegenseitiger Anerkennung ein gemeinsames demokratisches Zusammenleben gestalten. Ins Zentrum des Wandels wurde die Freiheit der Frau gesetzt, weshalb sich überall auf allen Ebenen Frauen selbstbestimmt organisierten und eine tragende Rolle in der Verwaltung, in der Verteidigung und im öffentlichen Leben einnahmen.

 

 

Der Gesellschaftsvertrag

 

Ausdruck der angestrebten und teilweise verwirklichten gesellschaftlichen Ordnung ist der Gesellschaftsvertrag der demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens

 

Eine Neubearbeitung wurde nach langen basisdemokratischen Abstimmungen Ende 2023 verabschiedet. Sie bildet die Grundlage für den Aufbau einer basisdemokratisch organisierten Gesellschaft, in der die Freiheit der verschiedenen Ethnien, Religionen, die Gleichberechtigung der Frauen, ökologisches Handeln und der Dialog hin zu einem demokratischen Syrien grundlegende Prinzipien sind. Unter anderem heißt es da:

 

"Die demokratische Selbstverwaltung, die durch den Willen der Bevölkerung entstand, gründet sich auf der ökologisch-demokratischen Gesellschaft, auf Mitbestimmung, gesellschaftlicher Wirtschaft, sozialer Gerechtigkeit und dem Prinzip des demokratischen Konföderalismus.

Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ist ein integraler Bestandteil Syriens. Mit dem von ihr errichteten demokratischen System, den von ihr geschaffenen gemeinsamen Werten und den politischen Positionen, die sie in den vergangenen Jahren zum Ausdruck gebracht hat, hat sie ein starkes Fundament für eine echte Einheit geschaffen und ist damit die Grundlage für den Aufbau der Demokratischen Republik Syrien geworden.“

 

 

Die Situation heute

 

In Nord- und Ostsyrien, in Rojava können wir eine Gesellschaft sehen, die unbeschreibliches Leid und schrecklichsten Horror erlebte, jedoch nie die Hoffnung für ein besseres und ein freies Leben aufgegeben hat. Anhand der Geschichte dieser Gesellschaft, ihrer „Revolution“, ihrer Errungenschaften, ihrer Siege und Niederlagen können wir sehen, wie sich die schönsten Werte der Menschheit an einem von Krieg und Leid geprägten Ort entfalten. Es sind schwierige Bedingungen, unter denen die Menschen und ihre Selbstverwaltung das tägliche Leben und die Verteidigung ihrer erkämpften demokratischen Freiheit organisieren. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Weitgehend bekannt ist, wie im Dezember 2024 das Regime unter Assad in sich zusammenfiel und Damaskus von den radikal-islamistischen HTS (eine Folgeorganisation des syrischen al-Kaida Ablegers) eingenommen wurde. Die Selbstverwaltung suchte auch hier wieder den Dialog, denn die Alternative zu Dialog wäre Krieg gewesen und das ausgesprochene Ziel eines demokratischen Syriens könne nur durch Dialog erreicht werden. 

 

Trotz monatelanger Verhandlungen entschloss sich die neue Zentralregierung mit Unterstützung der Türkei im Januar 2026 eine umfassende Offensive zur Vernichtung der Selbstverwaltung in die Wege zu leiten. Die Eroberung mehrerer Regionen durch die Zentralregierung, aber auch der unerschütterliche Widerstand in Cizîr und Kobanê führten zum Abkommen vom 29. Januar 2026. Dieses Abkommen beschloss die Integration der SDF und der Selbstverwaltung unter neuen Bedingungen. 

 

Seither schreitet dieser Integrationsprozess voran. Während in den Verhandlungen die Zentralregierung versucht, soviel wie möglich ihr zentralistisches und autoritäres Staatsverständnis durchzusetzen, versuchen die Menschen in Rojava ihre Errungenschaften der letzten 15 Jahre zu verteidigen. 

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